Die Zukunft kommt bestimmt!

Es ist tatsächlich etwas seltsam.

Als uns der erste Nachbar mit vielen warmen Worten begrüßte und uns irgendwas erzählte, was wir nicht ganz verstanden, war die sorglose Sprachvertrautheit der vorangegangen Woche mit einem Schlag verschwunden. Umschalten auf Dänisch. Auf einmal muss ich wieder denken, ob ich ein „et“ oder ein „en“ brauche, was ich hinten dran baumle und welche Buchstaben mein „nuschelndes“ Gegenüber wohl gerade verschluckt. Beinahe glücklich war ich, als ich den Smalltalk des Kassierers im Supermarkt aktiv mitgestalten konnte. Den zweiten Nachbar verstand ich schon wieder ein bisschen besser.

Was aber noch viel brutaler ist, ist das Gefühl der inneren Zerrissenheit.

Vor unserem Urlaub in Bayern hatte ich immer wieder festgestellt, dass das „Heimweh“ nur minimal ausgeprägt war. Alles ist so aufregend, jeder Tag ein Abenteuer. Großer Stolz, „es“ geschafft zu haben, wovon viele Menschen immer nur träumen, sich aber niemals trauen, bestimmte meinen Alltag. Wir haben unseren Lebenstraum wahr werden lassen. Wir haben ein Haus gekauft, wir wohnen seit September in Nordjütland.

Vor unserer Abreise habe ich den wundervollen großen schwarzen Mann mehrmals gefragt, ob er denn das Gefühl habe, „nach Hause“ zu reisen. Er war sich ebenfalls nicht sicher. Ich jedenfalls fühlte mich hier in Dänemark schon reichlich „daheim“!

Jetzt waren wir eine Woche zurück in Bayern. Unsere Tage waren reichlich gefüllt mit wundervollen Menschen.

Und dann mussten wir uns schon wieder (den Schmerz vom Tag der endgültigen Ausreise kann ich auch nach 7 Monaten noch fühlen!)  verabschieden. Schon wieder zerreißt es dich innerlich, sie alle zurückzulassen. Wieder 1200 km weit weg von allen.

Heute hat unser dänischer Alltag wieder begonnen. Ich bin sicher, dass auch der gsM reichlich unsicher im Büro sitzen wird und vielleicht ein gewissen Unbehagen verspüren wird.

Keiner bereitet dich nämlich auf das vor, was nach der Auswanderung kommt:

Das Gefühl der Heimatlosigkeit!

Die ersten Monate überlebt man eigentlich hauptsächlich dadurch, dass innere Euphorie und großer Stolz über den Abschiedsschmerz hinwegtrösten können. Man ist überdies viel zu beschäftigt, seine „Position“ im neuen Land zu finden. Behördenkram, Arbeit, Alltag. Man hat faktisch keine Zeit für Sehnsucht. Man ist nur noch endlos glücklich und voller Endorphine. „Ich habe es geschafft! Wir sind tatsächlich hier!“ halten die Laune hoch und geben die viele Kraft, die man braucht! Man fühlt sich schnell „zu Hause“!

Und dann fährt man zurück in die alte Heimat. Man nimmt sein altes Leben in die Arme und weint zuerst Wiedersehenstränen und bald wieder Abschiedstränen. Man macht sich auf den Rückweg ins neue Leben.

Und plötzlich ist er da. Der Realitätsschock.

Schluss mit Euphorie, die nüchterne Realität und ein ganz normaler Alltag packen dich am Kragen.

Und dann hat man auf einmal Zeit, sein altes Leben in die Erinnerung hereinzulassen. Die Phase der anfänglichen Verdrängung ist vorbei. Und dann kann es schon mal sein, dass man gedankenversunken über alte Bücher streichelt, die man sich von den zurück gelassenen Freunden abgeholt hat.

Vielleicht bin ich nur heute traurig, weil ich die Worte und Berührungen meiner Familie und meiner Freunde noch irgendwie hören und fühlen kann. Vielleicht dauert das noch ein paar Tage. Vielleicht aber ist dieser schwere Brocken in der Brust ab jetzt Bestandteil meines Körpergefühls und ich werde mich an ihn gewöhnen müssen. Vielleicht finde ich schon bald wieder zurück zu dem, was ich vor unserer Abreise in mir trug: eine erste Sicherheit.

Heute fühle ich mich hin- und hergerissen. Heute bin ich traurig und nachdenklich. Heute bin ich mit meinen Gedanken nicht in Nordjütland, sondern in Bayern. Heute habe ich „Heimweh“, weil ich plötzlich kein „Daheim“ mehr fühlen kann! Das alte habe ich aufgegeben, das neue ist es heute nicht. Wo gehöre ich hin? Vielleicht ist morgen wieder alles gut und ich brauche nur mal einen Tag TRAURIG.

Ich lasse es zu und blicke in die Zukunft.

Denn die kommt bestimmt.

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16 Gedanken zu “Die Zukunft kommt bestimmt!

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  5. Bei mir hört und hört die Zerrissenheit nicht auf. Wenn nur die Entfernung nicht so groß wäre. Jeden Tag denke ich an DK. Aber hier hab ich Familie. Mein geliebtes Land im Norden!

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  6. Liebe Grüße vom Püppchen! Kopf hoch- das wird schon wieder! Wir haben die Zeit mit Euch jedenfalls genossen- besonders den letzten Abend! Haben in unserer Runde wiedermal richtig viel gelacht… Und die Nachspeisenfee hat Ihr Bestes getan!

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  7. Meine Liebe, das war ja wohl klar, daß ihr euch nach einem halben Jahr noch nicht komplett ‚daheim‘ fühlt.
    Das dauert auch bestimmt noch etwas..oder etwas länger..?
    Und nach..etwas länger..funktioniert die schnelle Umschaltung der Sprachen bestimmt auch besser.
    Klar, die Menschen aus Bayern (der alten Heimat) könnt ihr nicht mitnehmen, nur im Herzen, außer halb R……. wandert aus, das gäbe eine Schlagzeile!!
    Ich habe jedenfalls bei eurer Abfahrt am Samstag gehofft und gedacht: Kommt gut wieder heim! Da war ich sehr überrascht von mir, innerlich!
    Das hätte ich vor ein paar Monaten bei eurem Umzug, vielleicht auch aus egoistischem, extremen Schmerz, nicht so sagen können..da dachte ich nur(aber auch von Herzen) „Kommt gut Dahin“.

    Und ihr werdet auch weiter damit leben müssen, daß manche Menschen von hier euch besuchen und die Andern, aus welchen Gründen auch immer, es nicht können oder wollen.
    Die, die gerne wollen können nicht und diejenigen die es könnten, wollen halt nicht !

    Aber alles wird gut !!!

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  8. Heute kommen mir beim Lesen fast die Tränen. Kopf hoch, Ihr 5, Ihr schafft das. Ich erinnere mich bewundernd an Eure Zielstrebigkeit und Begeisterung für Euer Projekt Auswanderung – und etwas wehmütig an die lustigen Dänisch-Stunden in Eurer Küche. Und ich bin mir gemeinsam mit der Dänischlehrerin sicher: Wenn jemand DAS hinbekommt, dann Ihr.
    Eine dicke Umarmung aus der alten Heimat ins geliebte Jylland!

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