Der Deutsche in Dänemark

Man erkennt „uns“ nicht so wirklich auf den ersten Blick. Solange man den Mund nicht aufmacht, kann man als Deutscher recht einfach unter den Dänen untertauchen. Deutsche und Dänen sehen sich insgesamt ziemlich ähnlich. Das Klischee mit den nordischblonden Schönheiten entstammt inzwischen eher den Drehbuchphantasien schlechter Hollywoodschinken. Natürlich gibt es viele blonde Menschen in Skandinavien und vermutlich ist der Anteil der Menschen, die sich von Natur aus über ihre helle Mähne freuen dürfen, höher als in südlicheren Ländern. Dennoch leuchtet so mancher Haarschopf nur Dank raffinierter Mittelchen aus diversen Farbtübchen – Naturblond ist hier genauso wie überall auf dem Rückzug.

Das obige „ziemlich“ lässt Unterschiede vermuten. Tatsächlich sind Dänen größer!

So langsam schleicht sich die Vermutung ein, dass sie von den Riesen abstammen! Kleidung Größe M ist mir viel zu lang und zu weit und das bei 1,69 m Größe mit der normalen Figur einer dreifachen Mutter! An der Kasse unseres dörflichen Supermarkts bedient ein ca. 15jähriges Mädchen. Wenn ich mich mit ihr unterhalten möchte, habe ich den Drang, mich auf die Zehen zu stellen und zum Megaphon zu greifen. Die kann mich doch unmöglich in der Höhe da oben verstehen! Ich kenne eine ziemlich große Frau, aber sogar die ist sicher kleiner als diese junge Kassiererin!

Wenn Rotfrau Higheels anhat und ihren Mund hält, kann man sie durchaus mit einer waschechten Dänin verwechseln. Und das ist der Aufhänger zu meiner heutigen Geschichte:

Im Winter mussten wir uns ein neues Auto kaufen, weil wir die abartig hohe „registreringsafgift“ für unseren uralten Kübelfiat nicht aufbringen wollten. Dieses neue Gefährt glänzt strahleweiß durch die Welt und leidet plötzlich unter klitzekleinen Rostpünktchen. In der Hoffnung auf Garantieleistungen fuhr Rotfrau heute zum Autohaus nach Hjørring. Hjørring ist eine etwas größere Stadt im Vendsyssel und viele Touristen, die hier oben urlauben, besuchen sie während ihres Aufenthalts.

Erstaunlicherweise hatten heute außergewöhnlich viele Menschen ein Problem mit ihrem fahrbaren Untersatz. Der Eingangs-/Anmeldebereich mit drei Schaltern – Rezeption, Werkstattleiter und Kundenbetreuung – war proppevoll. Ein Mann neben mir raunte mir zwinkernd zu, dass es hier zuginge wie beim Arzt, ein anderer suchte den Nummernautomaten. Ich musste mich bei allen drei Schaltern anstellen, weil ich von einem zum anderen geschickt wurde. Viel Zeit, um zu lauschen.

Links neben mir ein älterer Herr mit Tochter. Sie meckerten leise, aber dennoch unüberhörbar über die Wartedauer, die nervige Gelassenheit der Leute, die sich das alles bieten ließen, die stoische Arbeitsweise des Personals und und und. In der Werkstatt stand ein großer Prachtwagen mit deutschem Nummernschild und vielleicht gehörten die beiden Prachtexemplare zu selbigem Prachtauto. Irgendwann verließen sie die gelassen wartende Kundenmenge, liefen entnervt draußen hin und her und versuchten vergeblich, auf sich aufmerksam zu machen und damit ihre Wartezeit zu verkürzen.

Nachdem Schalterdame Nummer zwei mir draußen verkündet hatte, das müsse sich nun doch der Werkstattleiter ansehen – genau der, der mich nach ewiger Wartezeit zu ihrem Schalter geschickt hatte, der aber leer war, weil sie erst aus der Pause zurückkommen musste  -, fiel mein Blick während einer erneuten Wartezeit wieder auf das deutsch sprechende Vater-Tochter-Gespann. Ob ich ihnen helfen sollte? Vielleicht können sie sich ja sprachlich nicht so gut mitteilen? Sie hätten vielleicht einfach nur freundlicher fragen sollen?

Ich guckte direkt zu ihnen hin und ihr Blick fiel auf mich: leer und unsympathisch.

Nein, ich half nicht weiter und begann mich fröhlich auf Dänisch mit dem endlich angekommenen Werkstattleiter zu unterhalten. Ich hätte helfen können. Wollte aber nicht. Weil sie sich unsympathisch verhalten hatten.

Ich bin mir sehr sicher, dass ich nicht die einzige im überfüllten Raum war, die das Gespräch der beiden verstehen konnte. Fast alle Dänen sprechen Deutsch.

Deutsch wird hier ab der fünften Jahrgangsstufe als Pflichtfach unterrichtet.

In Dänemark werden nicht alle Filme synchronisiert. Dänen sprechen Deutsch! Also aufpassen, wenn Sie beim AL..ddi lautstark mit Ihrer Frau herumdiskutieren, wie abartig teuer doch alles hier sei und dass Lasse – Ole (danke, Frau C.) das Spielzeug aus dem Wühltisch deshalb nicht haben dürfe. Man könnte Sie für einen Unsympathen halten!

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6 Gedanken zu “Der Deutsche in Dänemark

  1. Der angespannte Deutsche im entspannten Dänemark… angeblich ändert sich das doch, sobald man die Grenze nach Norden passiert 😉
    Die Beobachtung mit der Körpergröße kann man übrigens auch schon innerhalb Deutschlands machen. Im Norden fällt Frau mit knapp 1,80 weniger auf als im Süden.

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    • Es stimmt schon, dass die skandinavische Ruhe ansteckend ist. Aber es braucht ein bisschen länger als zwei, drei Wochen 🙂
      Nach inzwischen fast einem Jahr bin ich schon recht gut darin, gelassen auf alles und jedermann zu warten.
      LG

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  2. und ich dachte immer, die Niederländer sind so gross…aber andererseits die Dänen sind ja gleich um die Ecke ;-)….heutzutage ist es eh blöd, davon auszugehen, dass ein anderer Deine Sprache nicht versteht…mit der ganzen Globalisierung ist das gefährlich 😉

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