Oh, du lieb‘ Heimatland!

Dieser Beitrag entstand zur Blogparade von komsi.komsii.

Mitlesende  Angehörige und Freunde sollten den folgenden Text vielleicht besser nicht lesen, denn er ist traurig und tiefsinnig. Das Thema lautete nämlich: Heimat.  

Bestimmt mehr als 50 Mal – keine Hyperbel – habe ich die Geschichte des kleinen Pelle vorgelesen. Voller Zorn auf seinen Papa packt der kleine Bub seinen Koffer und zieht aus. Ins Plumpsklo „Herzhausen“. Sein „Hänschen im Blaubeerwald“ nimmt er natürlich auch mit in das neue Zuhause. Dort denkt er in kindlicher Verzweiflung über die Trauer seiner Eltern und das nahende Weihnachtsfest nach. Zwischen seinen Gedankengängen schickt er mehrmals eine auf der Mundharmonika gespielte Version von „Nun ade, du mein lieb‘ Heimatland“ auf die akustische Reise ins Elternhaus.

Man muss es mir glauben, ich würde gerne ab und an zu eben dieser Mundharmonika greifen. Aber was soll ich nur spielen?

„Ade, lieb‘ Heimatland!“ oder doch lieber ein „Hej, lieb‘ Heimatland?“

Das Problem ist, dass ich eigentlich noch immer nicht weiß, was ich im Moment mit dem Wort „Heimat“ verbinden soll.

Ich bin so glücklich, dass ich hier sein darf. Ich bin so unglaublich stolz auf uns, weil wir so Vieles geleistet haben. Allesamt! Jeder von uns! Ich staune, was wir für ein gutes Leben leben! Ich bin begeistert, wie prima wir so viele Hürden übersprungen haben!

Und doch weiß ich nicht, was ich jetzt mit „Heimat“ verbinden soll! Hier? Dort? Wo? Oder soll ich besser fragen: wann?

Bereits in vielen Beiträgen habe ich mich mit dieser Frage auseinandergesetzt und von anderen Auswanderern habe ich immer wieder den gleichen Grundtenor zu hören bekommen:

Es dauert eine Weile, bis du weißt, wo du hingehörst.

Die meisten sprechen von zwei Jahren. Uff, dann habe ich also schon fast eineinhalb Jahre der inneren Zerrissenheit hinter mich gebracht. Ganz so einfach, wie VUX das in seiner grenzdebilen Dokureihe schildert, ist das mit der Auswanderei nämlich nicht. Die psychische Belastung, sein ganzes Leben hinter sich zu lassen – bei mir waren es immerhin 40 Jahre in Bayern und noch dazu in der weltbesten Stadt der Welt ❤  – ist unvorstellbar hoch.

Man möchte (und soll) sich gerne in der neuen Heimat verwurzeln, weiß aber nicht immer, wie! Irgendwie sollte man loslassen, um überhaupt damit fertig zu werden, regelrecht auf eine Reset-taste gedrückt zu haben. Aber wie macht man das am besten? Man weiß, dass die Zurückgelassenen leiden und verzweifelt fast an diesem Wissen. Wie lebt man nur damit?

Solche Gedankengänge kosten Kraft.

Woher holt man sich neue? Man ist doch nur seinem Herzen gefolgt! Man wollte sich doch nur einen Wunsch erfüllen und etwas tun, was man im Falle des Eben-doch- nichttuens irgendwann einmal bedauern würde.

Die Zukunft kommt bestimmt. Damit endet einer meiner beliebtesten Beiträge in diesem Blog. Ja, die Zukunft kommt. Ganz bestimmt sogar.

Irgendwann haben wir alle einen Weg gefunden, diese neue Zukunft zu leben. Irgendwann weiß ich, wo meine Heimat ist. Denn die weltbeste Stadt der Welt ist es nicht mehr und mein Zuhause nördlich von Aalborg ist mein „Zuhause“, nicht aber „meine Heimat“!

Tatsächlich hat erst heute ein Junge zu mir folgende Worte gesagt:

„Irgendwann wirst du dich während eines Urlaubs in Deutschland freuen, dass du wieder nach Dänemark zurück fahren darfst.“

Vielleicht ist das ja so. Ich werde es sehen.

Man sagt, Heimat sei, wo das Herz sei.

Wenn ich einmal ganz ehrlich sein darf, würde ich gerne zugeben, dass mein Herz noch immer irgendwie gebrochen ist.

Auf mehrere Art und Weise.

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18 Gedanken zu “Oh, du lieb‘ Heimatland!

  1. Pingback: Oh, du lieb‘ Heimatland! | Meermond

  2. Heimat, für mich ist das dort wo ich Kind war, meine Eltern und Geschwister um mich hatte.
    Danach, ich bin mit 16 aus meiner Heimat in die schönste Stadt Bayerns gezogen, gab es ab da nur noch ein „ZuHause“. „Ich fahr heim“ konnte ich so lange sagen wie meine Eltern noch im Heimatsort lebten. Meine Mama starb schon sehr früh, sie hat ein Stück meiner Heimat mit sich genommen. „Heimat“ ist nun u.a. für mich die Erinnerungen an sie. Und da ich sie immer im Herzen habe finde ich in mir meine Heimat.
    Ich war über 20 Jahre in der grossen Stadt. Sie wurde mein ZuHause, meine beiden Grossen leben bis heute dort. Mit meiner neuen Familie musste ich leider oft umziehen. Gar nicht weit weg. Ich werde öfter gefragt, wie es denn ist ständig so aus der Heimat gerissen zu werden. Weil ich mir darüber also oft Gedanken machen musste weiss ich es für mich nun ganz genau: Ich hatte oft ein neues ZuHause die letzten Jahre, doch meine Heimat die hab ich noch nie verloren, aufgeben müssen. Die ist im Herzen, da kann ich hinfahren, wann immer ich will (eher selten, denn dort wohnt keiner mehr. Nur das Grab ….)
    Nun ist es so, dass ich nicht mehr das Gefühl habe ins ZuHause zu fahren wenn ich nach München fahre. Also … ist mein ZuHause innerhalb ein paar Monaten eine kleinere, niederbayerische Stadt geworden. Rückschluss für mich: Ich bin da ZuHause wo mein Mann und die kleineren beiden Kinder sind.
    Ich wünsche Dir alles Gute in Deinem ZuHause. Du hast Arme, die Dich halten.
    Deine Mama hat Dich nicht verlassen. Als meine Mutter spürte, dass sie nun bald sterben wird (sie starb an ALS) sagte sie zu mir: „Ich wünsch mir, dass auch Du mich weiter durch Dein Leben mitnimmst! Lass mich dabei sein an allem was Du als meine Grosse erleben wirst!“
    Dieser Satz tröstet mich noch heute … und lässt mich klein und Tochter werden!
    herzliche Grüsse an eine tolle Familie
    Elisabeth

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  3. Hmm.. Das ist gar nicht einfach und ich bin auch nach fast drei Jahren immer noch traurig am Tag der Abreise (die des Besuches, oder auch wenn wir wieder nach Hause fahren). Aber mit der Zeit habe ich gelernt mit diesen Gefühlen umzugehen. Ich weiß, dass der erste Tage immer erst einmal schmerzhaft ist, in unterschiedlichsten Abstufungen, aber am nächsten Tag genieße ich mein Leben hier in Schweden wieder in vollen Zügen! Ich bin so glücklich hier zu sein und das ist mein Zuhause. Ich möchte nicht mehr in meiner Heimat leben, auch wenn ich sie liebe. Für mich gibt es also einen Unterschied zwischen Heimat und Zuhause. Heimat ist für mich dort wo ich meine Kindheit verbracht habe und zur Schule gegangen bin, dort wo auch meine Familie und viele Freunde wohnen. Ich vermisse sie immer noch sehr und wünschte sie würden einfach auch auswandern, aber ich habe mich entschieden wegzugehen. Ich muss also auch mit den Konsequenzen leben.
    Ich bin gleichzeitig unglaublich dankbar, dass ich so ein entspanntes Leben in meinem neuen Zuhause leben kann und so viele wundervolle neue Freunde kennengelernt habe. Mein Freund, unser Septembermädchen und seine Familie sind nun meine Familie hier.

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  4. Pingback: Finale der Blogparade! – Hier kommen alle Beiträge! Es darf abgestimmt werden! – komsi.komsii – Aus dem Leben eines Nordmädchens

  5. Ach, liebe Aal-Bayerin oder Aal-…-borgerin,
    ich bin seit 26 Jahren, mit eingeschobenen längeren Aufenthalten in Dk, wieder in meiner Ursprungsheimat zurück. Ich lebe in einer schönen Umgebung, einem tollen Haus mit tollem Blick, hab meinen Sohn mit seiner lieben Freundin und meine 1-jährige Enkelin im Nebenhaus wohnen, viele nette Schüler, die immer weitermachen wollen mit mir, hilfsbereite Nachbarn, eine super medizinische Versorgung, fast alles, was man sich wünschen kann, und dennoch…
    Ich vermisse meine zweite Heimat Dk soooooooooooo sehr. Die dänische Mentalität, die schöne, weltoffene Stadt am Meer mit so viel Atmosphäre, Bekannte, meinen abwechslungsreichen Deutschlehrerjob in den größten Firmen des Landes mit viel Wertschätzung und Zugang zu interessantem Insiderwissen. Ach, ach, ach.
    Ich glaub, ich muss ganz bald wieder hin, zumindest für einige Wochen. Ob ich dann ganz verwirrt zurückkommen werde?
    Ich wäre nach dem Tod meiner Mutter nach Dk zurückgekehrt, wäre da nicht mein Sohn mit Freundin und meiner Enkelin. Oben hab ich keine Familie.
    So viel zu Zerrissenheit…
    Liebe Grüße,
    Danmarkfan

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  6. Kleine Träne 😢 im Auge hier so, von einer die Dich noch nicht so lange kennt, aber in der Nähe Deiner alten Heimat wohnt. Die selber Heimatgefühle für eine andere Stadt empfindet (Berlin) aber hier nun gut angekommen ist. Drück Dich 😘 und sende Dir Liebe Grüße

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  7. Sorry jetzt habe ich, trotz der Warnung doch gelesen!
    Ja, so traurig es auch für uns hier in Bayern ist daß ihr weg seid, es wird schon so werden wie es der Junge gesagt hat.
    Ihr habt ja auch hier kein ‚Zuhause‘..sprich Haus oder Wohnung mehr. Nur noch die Häuser der Verwandten und Freunde und da ist es verständlich, daß man nach dem Urlaub wieder ‚heim‘ will in die eigenen vier Wände, auch wenn diese 1300 km weg sind von der ehemaligen Heimat.
    Ich bin halt sehr bodenständig, ich weiß auch nicht an was das liegt..Charakter, Sternzeichen..was weiß ich und ich könnte niemals so weit von meiner Familie weggehen, was aber auch an meinem Alter liegen mag. Ich überlege gerade..nein ich wollte das aber auch in jungen Jahren nicht. Das ist aber Typsache und mag manchen als engstirnig erscheinen, aber ich brauche die direkten Umarmungen meiner Familie sehr und ich denke sie brauchen das auch.
    Mir würde es das Herz zerreißen wenn ich meine Kinder oder meinen Enkel nur zwei mal im Jahr im Urlaub sehen könnte.

    Aber eure Jungs (zumindest die kleinen) wachsen jetzt in ‚ihrer Heimat‘ auf und kennen das dann gar nicht anders, als daß die Verwandtschaft halt weiter weg ist.
    Aber Freunde,Kollegen und gute Nachbarn finden sich auch bei euch und die ersetzen dann vielleicht die Verwandschaft ein bisschen.

    Schnieeeef!!

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  8. An „Heimat ist wo das Herz ist“ musste ich auch gleich bei Beginn des Lesens denken. Menschen sind ja unterschiedlich. Nicht alle sind irgendwo tief verwurzelt. Mir geht es zum Beispiel so. Ich habe 38 Jahre mehr oder weniger in und um Hamburg herum gewohnt und bin dabei 9 Mal umgezogen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, nach 23 Jahren Dänemark irgendwann mal wieder nach Hamburg zu ziehen. Meine Eltern sind tot, meine Brüder in alle Winde zerstreut. Bleiben also Freunde, und die gibt es dort noch und wir halten Kontakt. Fazit ist eigentlich für mich, dass Leute für mich wichtiger zu sein scheinen als Orte. Für andere sind es die Berge oder das Meer.

    Für mich ist Heimat wo mein Mann ist, egal, wo das nun ist. Wenn er vor mir abtreten sollte, werde ich hier keine Heimat mehr haben. So ist das.

    Du hast vier dejlige Menna, mit denen du zusammen auf Abenteuerreise gegangen bist. Ist das nicht wunderbar? Und ich glaube, dass der Junge Recht hat, irgendwann ist Deutschland eben Urlaub …

    Gefällt 2 Personen

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