Bloggeplauder: zwei Deutsche in Dänemark

Ich habe das große Glück, dass ich Stella, deren Blog einigen von meinen Lesern bereits bekannt ist, inzwischen persönlich kenne. Sie lebt schon 24 Jahre in Dänemark und ist im vergangenen Herbst aus dem Süden an die Spitze Nordjütlands gezogen. Sie und ihr Mann wohnen jetzt quasi um’s Eck! Jeah!

Wir haben uns dazu entschlossen, uns über dänische Gepflogenheiten und Eigenheiten zu „unterhalten“. Da unser Dokument fortlaufend erweitert wird, entsteht hier die kleine Serie „Bloggeplauder“.

Hej Stella,

am Samstag waren wir in Hirtshals im Ozeanarium. Zum letzten Mal war ich dort im Sommer 2012, als ich mit den Zwillingen schwanger war. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie dick ich damals war! Wie immer stand ich auch dieses Mal wieder lange vor dem riesigen Becken mit den Mondfischen, die man übrigens auch Meermond nennt. 2012 schwammen zwei der Klumpfiske im Becken und ich glaube mich zu erinnern, dass da immer zwei Fische waren. Nicht so am Samstag.

Zu Hause begann ich mit Recherchen, weil ich doch unbedingt einen Beitrag zum Nordsøen Ozeanarium (*hier*) schreiben wollte. Es stellte sich heraus, dass Andrea, der Publikumsliebling, bereits im Mai 2013 gestorben war. Ich konnte den Zeitungen entnehmen, dass die Presse damals ziemlich kritisch auf ihren Tod reagierte, weil das bereits der dritte tote Mondfisch innerhalb von nur neun Monaten war. Dass das Aquarium die Einschläferung des Fisches Hamlet im April 2013 herunter zu spielen versucht hatte, war noch nicht vergessen. Umso erstaunter war ich, als ich unter der Todesmeldung zu Andrea folgenden Kommentar lesen musste (übersetzt natürlich): 

„Also gibt es jetzt in der Cafeteria Mondfischsteaks. Lecker Lecker Lecker.“

Ich war sehr überrascht, war die öffentliche Anteilnahme doch so groß! Einen seltsamen Humor haben die hier, die Dänen! Das habe ich mir übrigens schon öfter gedacht. Hier fallen eigenartige Bemerkungen, sarkastische Witze und Floskeln, über die ich auch nach fast drei Jahren noch nicht lachen kann. Den dänischen Humor verstehe ich nicht. Du bist schon so lange hier in Dänemark und du teilst dein Leben mit einem Dänen. Kannst du über deren Witze lachen?

Hehe, da dachten die Mondfische damals sicher, dass du ein Pottwal bist (hämisch lach). Das ist ja pietätlos, das mit dem Mondfischsteak!!! Aber verstehe einer die Dänen: im Kopenhagener Zoo haben sie eine Giraffe geschlachtet und dafür einen neuen Löwen gekauft, weil man meinte, dass das mehr Publikum zieht. Die (übrigens völlig gesunde) Giraffe hat man dann an die übrigen Löwen verfüttert … da kann man auch bei zugucken, auch Kinder. Wer findet so etwas ansehenswert??? Ich möchte nicht einmal anderen Menschen beim Essen zusehen … 😉

Fische sagen mir nicht so viel, obwohl ich es schön finde, dass man durch das Ozeanarium in der Lage ist, die einheimischen Meerestiere mal aus der Nähe zu studieren. Meine ausgesprochenen Lieblinge sind die Seehunde. Sie sind so verspielt und wirken humorvoll.

Apropos Humor: Es gibt durchaus Witze oder Bemerkungen, die ich nach 24 Jahren immer noch nicht verstehe oder eben einfach nicht witzig finde. Im Sarkasmus ist der dänische Humor dem englischen recht ähnlich, sehr schwarz manchmal, aber das finde ich nicht schlecht. Guck mal die Olsen-Banden-Filme an, das ist dänischer Humor in Reinkultur, naiv und gleichzeitig sarkastisch, das mache Dänen mal einer nach!  😉

Was mich eher wundert ist, dass die Dänen so sexfixiert sind. Ich dachte immer, sie wären so sexuell befreit, aber der diesbezügliche Humor ist manchmal ziemlich pubertär mit viel „Huch, wie bin ich gewagt“ und kichern und sich halb totlachen sobald das Wort „Penis“ oder „Fisse“ (Scheide) genannt wird. (hihihi) Das wirkt auf mich eher verklemmt. Auch, dass alles in das Sexuelle abgedrängt wird und dass das dann als komisch angesehen wird. Ich verdrehe dann manchmal nur die Augen. Meine Welt besteht nicht nur aus Sex, selbst wenn Männer anwesend sind. Aber wahrscheinlich finden die mich verklemmt.

Ist dir übrigens schon mal aufgefallen, dass die Dänen sehr viel fluchen? Also so richtig!

Nun, dazu fallen mir zwei Anekdoten ein. Im September 2014 sind wir nach Løkken gezogen und unser Preußenbayer durfte erst Anfang Oktober in die Schule gehen. Er lag mehrere Tage völlig unmotiviert im Bett – verständlicherweise. Als es daran ging, den ersten Schultag im fremden Land und ohne jedwede Sprachkenntnisse hinter sich zu bringen, war er sehr nervös. Er tat mir extrem leid und ich wartete aufgeregt auf sein Heimkommen. Und als er schließlich im Hausflur stand, strahlte er mich an und sagte: „Mama, ich habe sogar mein erstes dänisches Wort gelernt: bøsse!“ (Schwuler!) Tja, immerhin etwas … Jugendliche fluchen auch in Deutschland ständig und überall und inzwischen hat mein Prachtsohn mich sprachlich überholt. Er spricht sogar dermaßen schnell und in lokal gefärbtem Vendelbo, dass ich ihn nicht verstehe! Gestern beim Kulturabend an seiner Schule wurden mehrere Filme vorgeführt, die die Schüler gedreht hatten. Ich platzte logischerweise vor mütterlichem Stolz, musste aber um eine nochmalige Privatvorführung inclusive Übersetzung bitten. Aber das mehrmalige, aus den Lautsprechern donnernde „Fuck!“ des Nachbarjungen habe ich mehr als gut verstanden.

Und weil wir schon in der Schule sind, hier die zweite Anekdote. In selbiger vernahm ich ein lautstarkes „Hold kæft!” einer Lehrerin, die die offenbar schlechten Aufsätze an die Schüler aushändigte. Sie schimpfte die Klasse, dass das Niveau der Arbeiten unterirdisch gewesen wäre und dass sie ziemlich sauer wäre, damit ihre Zeit verschwendet haben zu müssen. Aber muss man wirklich „Halt die Fresse, das war vielleicht ein Mist!“ rumbrüllen? Kann sein, dass „Hold kæft!” von mir etwas überzogen übersetzt wurde (wird), aber ich habe dennoch ziemlich geguckt.

Weit mehr als das flapsige Rumgefluche stört mich das hier übliche „Jeg skal tisse!“ Man hört es immer und überall, auch in der Arbeit. Erwachsene und Kinder, Vorgesetzte, Kollegen – einfach jeder skal tisse! Muss ich das so genau wissen? Es ist ja fein, dass wir über die geplante Betätigung auf der Toilette informiert werden, aber meine vierjährigen Kinder versuchten es inzwischen schon mal mit einem reizenden „Ich muss pissen!“ – die Ähnlichkeit ist zu stark. Seufz.

Apropos Schule. Jede Schulveranstaltung wird mit fællesang eingeleitet. Alle Eltern, Schüler und Lehrer singen gemeinsam ein Lied, bevor das offizielle Programm beginnt. Die Texte dazu sind immer auf den Programmheftchen abgedruckt und keinen stört es, wenn das Lied auch mal zehn Strophen hat. Weißt du, woher diese Tradition kommt?

Hallo, Meermond,

ich habe eine ausführliche Erklärung für die Entstehung des fællessangs bei Gyldendal gefunden, hier ein paar „highlights“:

Bis zum 18. Jahrhundert waren es hauptsächlich religiöse Gesänge. Dann entwickelten sich neue gemeinschaftliche Gesänge als Folge des wachsenden sozialen Bewusstseins, ein Anstreben eines besseren Zusammenhalts in Gruppierungen aller Art. In Dänemark hat sich diese Tradition stärker als in anderen Ländern entwickelt und spiegelt die Erwerbskultur des Landes wieder und kulturelle Raster, wie z. B. das Verhältnis zwischen Land und Stadt. Es gibt vier hauptsächliche Gesangtraditionen:
1) die bürgerlichen Klub- oder Gesellschaftslieder 1770-1820, die heute in Studenten- und Handwerkerkreisen weitergeführt werden;
2) die Lieder Grundtvigs, ab 1840, Kennzeichen der Hofbesitzer und Volkshochschulen;
3) die offiziellen, mehr von den Städten geprägten Lieder, die hauptsächlich in Vereinen gepflegt wurden und werden und woraus zahlreiche Gesangbücher entstanden und
4) die Arbeiterlieder, die der organisierten Arbeiterbewegung von 1870 folgten und ab 1900 zahlreiche Lieder zum allgemeinen Gesangschatz beitrugen. 

Was das Fluchen angeht, ist „Fuck“ typisch für die jüngere Generation, aber die Alten fluchen auch gerne, oft mit Hölle und Satan (for helvede, for satan da), auch bei Kleinigkeiten, was ich etwas übertrieben finde. Ich hörte auch zum Beispiel eine junge Frau (gut angezogen und gepflegt) zu einem Verkäufer im Kiosk sagen „Hvad er det for noget lort?“ (Was ist das für ein Scheißdreck?) Weil sie das, was sie kaufen wollte, nicht hatten. Lort ist gerne in aller Munde.  😉

Oder die allseits beliebten: „kræftedeme“ (Krebs friss mich) oder „fanden tage mig“ (der Böse nehme mich) und viele mehr.

Da ist ein haarfeiner Unterschied zwischen „hold kæft“ (halt die Schnauze/Fresse etc.) oder „hold da kæft“ oder „hold da helt kæft“. Die beiden Letzteren sind nicht an Personen gerichtet, sondern drücken höchstes Erstaunen oder auch Entrüstung aus. Feine Sprache ist das allerdings auch nicht.

Fortsetzung folgt. 

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32 Gedanken zu “Bloggeplauder: zwei Deutsche in Dänemark

  1. Pingback: Bloggeplauder: zwei Deutsche in Dänemark [3] | Meermond

  2. Pingback: Bloggeplauder: zwei Deutsche in Dänemark [2] | Meermond

  3. Laut meinem Mann (der ja Däne ist) sind alle Deutschen (egal ob Süd-, Nord-, Ost- oder Westdeutsche) jeglichem Verständnis für Ironie und Sarkasmus bar. Deutsche Witze sind über Kartoffeln und Furzen, so mein Mann. 😉

    Ich selber bin aus Hamburg und kann das mit den steifen Norddeutschen schon bestätigen. Aber humorlos sind sie nicht. Sie haben einen eher trockenen Humor. Kennt ihr etwa die Klein-Erna-Witze nicht? Ich finde es schade, dass gesagt wird, die Preussen wären so unbeliebt. Schliesslich haben alle Menschen gute und schlechte Seiten, nicht wahr?

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  4. Das ist sehr interessant wie Sprache und Humor eines Landes von Außenstehenden verstanden wird. Aber selbstverständlich sage ich jetzt nicht ein Wörtchen darüber, wie die in Ö. weitverbreitete Meinung zu deutschem Humor ist. Nein, gar nix sage ich dazu 😉 🙂

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